Der sd-Wert ist die wasserdampfdiffusionsäquivalente Luftschichtdicke eines Bauteils oder einer Beschichtung. Er gibt in Metern an, wie dick eine ruhende Luftschicht sein müsste, um dem Wasserdampf denselben Widerstand entgegenzusetzen wie die betrachtete Schicht. Je größer der sd-Wert, desto dichter ist die Schicht. Dieser Beitrag erklärt, wie der sd-Wert berechnet wird, welche Klassen es gibt, welche Werte Farben, Putze und Folien haben und wie er sich von Ähnlichem wie dem µ-Wert unterscheidet.
Was ist der sd-Wert?
Der sd-Wert beschreibt den Diffusionswiderstand einer Schicht gegen Wasserdampf. Er wird in Metern angegeben. Eine Farbschicht mit einem sd-Wert von 0,1 m bremst den Wasserdampf so stark wie eine 10 cm dicke ruhende Luftschicht. Der Begriff steht im Zusammenhang mit der Diffusion, wie sie der Beitrag Diffusion allgemein erklärt.
Berechnung
Der sd-Wert ergibt sich als Produkt aus der Wasserdampf-Diffusionswiderstandszahl µ des Materials und der Schichtdicke d in Metern: sd = µ · d. Ein 10 mm dicker Putz mit µ = 20 hat damit einen sd-Wert von 0,01 m · 20, also 0,2 m. Mehrere Schichten werden addiert, der Gesamt-sd-Wert ist die Summe aller Einzelwerte.
Beispielrechnung
Ein Wandaufbau aus 15 mm Kalkputz mit µ = 10 (sd = 0,15 m), einem Voranstrich mit sd = 0,02 m und einer Silikatfarbe mit sd = 0,01 m kommt auf insgesamt 0,18 m. Ersetzt man die Silikatfarbe durch einen dichten Dispersionsanstrich mit sd = 0,5 m, steigt der Gesamtwert auf 0,67 m und die Wand wird deutlich dichter, obwohl sich am Putz nichts geändert hat.
Klassen
Für Beschichtungen gilt die Einteilung nach DIN EN ISO 7783 in drei Klassen:
| Klasse | sd-Wert | Bezeichnung |
|---|---|---|
| V1 | unter 0,14 m | hoch durchlässig, diffusionsoffen |
| V2 | 0,14 bis unter 1,4 m | mittel |
| V3 | 1,4 m und mehr | niedrig, diffusionsdicht |
Bei Bauteilen unterscheidet DIN 4108-3 diffusionsoffene Schichten mit sd bis 0,5 m, diffusionshemmende Schichten mit 0,5 bis 1.500 m und diffusionsdichte Schichten mit mindestens 1.500 m.
Typische Werte
Silikat- und Kalkfarben liegen in der Regel in Klasse V1, Silikonharzfarben ebenfalls, Dispersionsfarben häufig im Bereich V1 bis V2. Dichte Lacke und Kunstharzputze können deutlich höhere Werte erreichen. Dampfbremsen haben sd-Werte von etwa 2 m und mehr, Dampfsperren aus Aluminium oder Bitumen liegen über 1.500 m.
Messung
Gemessen wird im Labor nach dem Schalenverfahren, auch Becherverfahren genannt: Eine Probe verschließt einen Becher mit Trockenmittel oder Salzlösung, und der Wasserdampfstrom bei definierten Klimabedingungen wird über die Gewichtsänderung bestimmt. Die Verfahren sind in DIN EN ISO 7783 und DIN EN ISO 12572 beschrieben.
Anwendung und Einsatzbereiche
Fassadenfarben und Putze
Außenfarben sollen möglichst diffusionsoffen sein, damit Feuchte aus der Wand entweichen kann, und gleichzeitig Wasser abweisen. Die Eigenschaften beschreiben die Beiträge Silikatfarbe und Silikonharz-Fassadenfarben. Dispersionsfarben sind weniger offen, siehe Dispersionsfarbe.
Innenanstriche
Auch im Innenraum soll die Wand Feuchte aufnehmen und abgeben können. Anstriche mit hohem sd-Wert wie Lacke und Latexfarben verringern diese Pufferwirkung, Kalk- und Silikatfarben unterstützen sie. Die Zusammenhänge sind im Beitrag Atmende Wände beschrieben.
Innendämmung und Dampfbremsen
Bei Innendämmungen wird der sd-Wert der Dampfbremse so gewählt, dass Tauwasser im Bauteil vermieden wird. Details stehen unter Innendämmung und Dampfbremse und Dampfsperre. Feuchtevariable Bahnen ändern ihren sd-Wert je nach Luftfeuchte.
Tapeten und Beläge
Vinyl- und Metalltapeten sowie Fliesenbeläge haben hohe sd-Werte und können auf Außenwänden Feuchte stauen. Auf feuchtegefährdeten Wänden werden sie nicht verwendet. Eine Übersicht der Anstrich-Schichtenfolge bietet der Beitrag Anstrichaufbau.
sd-Wert in der Praxis
Datenblätter lesen
Die Hersteller geben den sd-Wert in Metern oder die Klasse V1 bis V3 an. Der Wert bezieht sich auf die vorgegebene Schichtdicke, bei geringerem oder höherem Auftrag ändert er sich entsprechend. Wer mehrere Schichten aufbringt, addiert die Werte.
Faustregel: innen dichter als außen
Im Wandaufbau sollte der sd-Wert von innen nach außen abnehmen. Die innere Schicht hält Feuchte zurück, die äußere lässt sie hinaus. Wird die Reihenfolge umgekehrt, etwa mit einer dichten Außenbeschichtung auf einer gedämmten Wand, staut sich die Feuchte im Bauteil.
Mehrfachanstriche
Altanstriche und neue Schichten summieren ihren sd-Wert. Auf vielen alten Dispersionsanstrichen reicht schon ein neuer Anstrich, um die Wand deutlich dichter zu machen. Bei diffusionsoffenen Mineralfarben ist daher das Abwaschen oder Entfernen der Altanstriche sinnvoll.
Tauwasserschutz
Der Feuchteschutznachweis nach DIN 4108-3 verwendet den sd-Wert, um Tauwasser im Querschnitt zu berechnen. Das Glaser-Verfahren und instationäre Verfahren wie WUFI nutzen ihn als Eingangsgröße, siehe Taupunkt und Tauwasser.
Altbau und mineralische Putze
Im Altbau mit Kalkputz und Kalkfarbe sind niedrige sd-Werte gewünscht, weil die Wand Feuchte aus dem Mauerwerk abgeben muss. Dichte Anstriche, Fliesen oder Kunstharzputze auf solchen Wänden können die Feuchte zurückhalten und Salzausblühungen, Putzablösungen und Frostschäden hervorrufen. Deshalb werden bei der Sanierung mineralische, diffusionsoffene Systeme bevorzugt.
Feuchtevariable Dampfbremsen
Feuchtevariable Dampfbremsen ändern ihren sd-Wert mit der relativen Luftfeuchte. Im Winter, bei trockener Raumluft, sind sie dicht und halten Feuchte zurück, im Sommer öffnen sie sich und lassen eine Austrocknung des Bauteils zu. Typisch sind Werte von etwa 0,2 bis 5 m. Sie schützen Dämmstoffe und Holz, wenn Feuchte im Bauteil nicht ganz vermeidbar ist.
Wasserdampfdiffusion und Schimmel
Ein zu hoher sd-Wert der Innenbeschichtung führt nicht von allein zu Schimmel, aber er nimmt der Wand die Fähigkeit, Feuchtespitzen abzupuffern. Entscheidend sind weiter Lüften und Wärmedämmung. Die Beschreibung der Wasserdampfdiffusion im Bauteil steht im Beitrag Wasserdampfdiffusion.
Abgrenzung zu ähnlichen Kennwerten
sd-Wert vs. µ-Wert
Der µ-Wert ist eine Materialkonstante und hängt nicht von der Dicke ab. Der sd-Wert berücksichtigt die Dicke und beschreibt eine konkrete Schicht. Aus dem µ-Wert wird er berechnet.
sd-Wert vs. w-Wert
Der w-Wert beschreibt die Wasseraufnahme durch Kapillarkräfte, also flüssiges Wasser. Er wird in kg/(m²·h^0,5) angegeben. Eine gute Fassadenfarbe hat einen niedrigen w-Wert und einen niedrigen sd-Wert.
sd-Wert vs. U-Wert
Der U-Wert beschreibt die Wärmedurchlässigkeit eines Bauteils, der sd-Wert die Dampfdurchlässigkeit. Beide sind unabhängig voneinander, siehe U-Wert.
sd-Wert vs. Hydrophobierung
Eine Hydrophobierung macht die Oberfläche wasserabweisend, ohne den sd-Wert wesentlich zu erhöhen. Das Prinzip steht im Beitrag Hydrophobierung.
Sicherheit, Lagerung und Entsorgung
Arbeitsschutz
Beim Verkleben von Dampfbremsfolien kommen Klebebänder und Kleber zum Einsatz, deren Dämpfe in geschlossenen Räumen zu beachten sind. Silikatische Anstriche sind alkalisch und reizen Haut und Augen, Schutzbrille und Handschuhe sind Pflicht.
Lagerung
Folien lagern trocken, vor UV-Strahlung und mechanischer Beschädigung geschützt. Beschichtungsstoffe werden frostfrei und dicht verschlossen aufbewahrt.
Entsorgung
Folienreste gehören in die Wertstoff- oder Restabfallsammlung, Farb- und Lackreste nach den örtlichen Vorgaben zur Schadstoffsammlung. Eingetrocknete Dispersionsreste können mit dem Restabfall entsorgt werden.







