Diffusion ist einer der am häufigsten missverstandenen physikalischen Vorgänge im Bauwesen – ständig verwechselt mit direktem Luftaustausch, dabei handelt es sich um einen viel langsameren, molekularen Prozess. Dieser Beitrag erklärt die physikalischen Grundlagen, den sd-Wert als zentrale Kennzahl und worauf bei der Planung diffusionsoffener Bauteile zu achten ist.
Was ist Diffusion?
Diffusion bezeichnet die Wanderung von Wasserdampfmolekülen durch ein festes Material entlang eines Konzentrationsgefälles – von der Seite mit höherer zur Seite mit niedrigerer Feuchte. Die Kenngröße dafür ist der sd-Wert (diffusionsequivalente Luftschichtdicke) nach DIN EN ISO 12572, gemessen in Metern: Ein sd-Wert von 0,1 m bedeutet, dass das Material genauso durchlässig ist wie eine 10 cm dicke, ruhende Luftschicht.
Typische sd-Werte im Vergleich
Diffusionsoffene Materialien wie Kalkputz liegen bei sd-Werten unter 0,2 m, mineralische Fassadenfarben meist zwischen 0,01 und 0,3 m, während Dampfsperren (siehe Wasserdampfdiffusion) mit sd-Werten über 100 m nahezu diffusionsdicht sind. Diese enorme Bandbreite zeigt, wie unterschiedlich Baustoffe mit Feuchtewanderung umgehen.
Wo Diffusion besonders relevant ist
Wandaufbauten mit Innendämmung
Bei nachträglicher Innendämmung muss der sd-Wert der einzelnen Schichten von innen nach außen sorgfältig geplant werden, um Feuchtestau und Tauwasserausfall in der Konstruktion zu vermeiden.
Fassadenanstriche
Ein zu diffusionsdichter Fassadenanstrich kann eingedrungene Feuchte im Mauerwerk einschließen, was auf Dauer zu Feuchteschäden und Substanzverlust führt.
Historisches Fachwerk
Bei Fachwerkkonstruktionen ist konsequente Diffusionsoffenheit besonders wichtig, damit eingedrungene Feuchtigkeit im Gefach und Holz zuverlässig wieder entweichen kann.
Richtige Planung diffusionsoffener Aufbauten
- sd-Werte konsequent von innen nach außen abnehmen lassen: Verhindert Feuchtestau in der Konstruktion
- Glaserverfahren bei kritischen Konstruktionen nutzen: Rechnerische Tauwasserprüfung nach DIN 4108-3 vor Ausführung durchführen lassen
- Materialkombinationen ganzheitlich betrachten: Ein einzelnes diffusionsoffenes Material nutzt wenig, wenn andere Schichten blockieren
- Bei Unsicherheit Fachplaner hinzuziehen: Besonders bei Sanierung historischer oder komplexer Wandaufbauten
Abgrenzung zu verwandten Begriffen
Diffusion vs. Absorbieren
Absorbieren (siehe Absorbieren) beschreibt die direkte, kapillare Flüssigkeitsaufnahme eines Untergrunds, während Diffusion die Wanderung von Wasserdampfmolekülen durch bereits ausgehärtetes Material meint – zwei unterschiedliche physikalische Vorgänge mit eigenen Messwerten.
Diffusion vs. Hydrophobierung
Hydrophobierung (siehe Hydrophobierung) reduziert die Wasseraufnahme von außen, ohne die Diffusionsoffenheit zwingend zu beeinträchtigen – gute hydrophobierte Systeme bleiben „wasserabweisend, aber dampfdurchlässig“.
Sicherheit, Lagerung und Entsorgung
Falsch geplante Diffusionsaufbauten können zu Feuchtestau und in der Folge zu Schimmelbildung führen – eine fachgerechte Planung ist damit nicht nur bautechnisch, sondern auch gesundheitlich relevant für das Innenraumklima.
Diffusionsoffene Materialien wie Kalkputz sind oft hygroskopisch – trocken lagern, da sie Feuchtigkeit aus der Umgebungsluft aufnehmen können.






