Kalkschlämme und Tünche: Herstellung und Einsatz

Kalkschlämme und Tünche bezeichnen die traditionelle, sehr dünnflüssige Form des Kalkanstrichs – eine Kalkmilch aus Sumpfkalk und Wasser, die mit der Tünscherbürste aufgetragen wird und eine matte, kreidige, lebendig wirkende Oberfläche hinterlässt. Anders als moderne Kalkfarben enthält sie kaum oder gar keinen zusätzlichen Filmbildner. Dieser Beitrag erklärt Herstellung und Anwendung, den Unterschied zur modernen Kalkfarbe und zum Kalkputz, sowie wo Kalkschlämme heute noch eingesetzt wird.

Was ist Kalkschlämme?

Kalkschlämme, auch Kalktünche oder Kalkmilch genannt, entsteht durch Anrühren von gelöschtem Sumpfkalk mit reichlich Wasser zu einer dünnflüssigen, milchig-weichen Masse. Ihre Bindekraft stammt ausschließlich oder überwiegend von der Karbonatisierung des Kalks selbst – dem Rückreagieren mit Kohlendioxid aus der Luft zu Kalkstein – statt von einem modernen Kunstharz- oder Kalkkasein-Filmbildner. Das Ergebnis ist eine sehr matte, leicht kreidende Oberfläche mit der für Kalk typischen wolkigen, lebendigen Farbwirkung.

Herstellung

Traditionell wird gebrannter Kalk mit Wasser gelöscht und mehrere Wochen bis Monate als Sumpfkalk gelagert, bevor er mit viel Wasser zur Schlämme verdünnt wird. Zur Verbesserung der Haftung und leichten Abriebfestigkeit werden traditionell geringe Mengen Kasein, Leinoel oder Salz zugesetzt – bleibt dieser Zusatz sehr gering, spricht man weiterhin von Tünche, nicht von Kalkfarbe.

Pigmentierung

Farbige Kalkschlämme wird mit kalkbeständigen, alkalifesten Pigmenten wie Eisenoxiden angesetzt. Weil die Schicht sehr dünn und teiltransparent bleibt, wirken die Farbtöne gebrochener und changierender als bei einer deckenden modernen Farbe – ein gestalterisch gewollter Effekt, der bei historischen Fassaden geschätzt wird.

Anwendungsbereiche

Denkmalpflege und historische Fassaden

Bei denkmalgeschützten Gebäuden wird Kalkschlämme oft vorgeschrieben, weil sie dem historischen Erscheinungsbild und der bauphysikalischen Funktion alter Putze am nächsten kommt: hoch diffusionsoffen, ohne Kunststofffilm, der die Rücktrocknung von Feuchte behindern würde.

Sichtmauerwerk und Klinker

Auf Ziegelmauerwerk wird Kalkschlämme als lasierende oder deckende Schicht aufgebracht, sodass die Fugenstruktur und teilweise die Ziegelstruktur durchscheint – das sogenannte geschlämmte Mauerwerk. Diese Technik verbindet die Optik von Sichtmauerwerk mit einem hellen, geschlossenen Erscheinungsbild.

Landwirtschaftliche Gebäude

In Ställen wird Kalktünche traditionell wegen ihres hohen pH-Werts eingesetzt, der Keime und Schimmel hemmt, kombiniert mit dem günstigen Materialpreis und der einfachen jährlichen Erneuerbarkeit der dünnen Schicht.

Ökologisches und natürliches Bauen

Für Bauherren, die auf reine Naturmaterialien ohne Kunststoffzusätze setzen, ist Kalkschlämme eine der wenigen konsequent mineralischen Wandbeschichtungen – vollständig rückstandsfrei kompostierbar und ohne Ausdünstungen.

Verarbeitung

Untergrund

Kalkschlämme haftet am besten auf mineralischen, kalkbasierten Untergründen wie Kalkputz oder unbehandeltem Ziegel. Auf Kunstharzuntergründen oder alten Dispersionsanstrichen bindet sie schlecht ab, weil die notwendige chemische Reaktion mit dem mineralischen Untergrund fehlt.

Auftrag mit der Tünscherbürste

Tünchen bezeichnet den Auftrag mit einer breiten, weichen Tünscherbürste in kreuzweisen Bahnen, wodurch die dünnflüssige Masse gleichmäßig verteilt wird. Wegen der geringen Konsistenz tropft und spritzt Kalkschlämme leicht, weshalb Boden und angrenzende Bauteile sorgfältig abgedeckt werden.

Mehrfacher Auftrag

Weil jede Schicht sehr dünn und teiltransparent bleibt, werden meist zwei bis drei Anstriche übereinander aufgebracht, mit ausreichender Karbonatisierungszeit von mehreren Stunden bis zu einem Tag dazwischen. Erst durch die Überlagerung entsteht die gewünschte Deckung und Farbtiefe.

Regionale Bezeichnungen und Traditionen

Je nach Region und Handwerkstradition tragen Kalkschlämme und Tünche unterschiedliche Namen: im Norddeutschen ist oft von „Kalken“ die Rede, im alpinen Raum von „Tünchen“ oder „Kalchen“. In der Denkmalpflege wird zwischen einer dünnen „Lasurtünche“, die den Untergrund durchscheinen lässt, und einer kräftigeren „Decktünche“ unterschieden, die mehrfach aufgetragen eine gleichmäßigere Fläche ergibt.

Abgrenzung zu ähnlichen Beschichtungen

Kalkschlämme vs. Kalkfarbe

Moderne Kalkfarbe enthält meist einen höheren Anteil an Kalkkasein oder einen leichten Dispersionszusatz, der die Abriebfestigkeit deutlich verbessert und den Anstrich alltagstauglicher macht. Kalkschlämme bleibt dagegen näher am historischen Original: fast rein mineralisch, weniger abriebfest, dafür noch diffusionsoffener und mit dem typischen, unverfälschten Kalkcharakter.

Kalkschlämme vs. Kalkputz

Kalkputz ist eine mehrere Millimeter bis Zentimeter dicke Putzschicht, die die Wandoberfläche formt und ausgleicht. Kalkschlämme ist nur ein hauchdünner Anstrich auf einer bereits fertigen Putz- oder Mauerwerksoberfläche und übernimmt keine ausgleichende oder verputzende Funktion.

Tünchen vs. Streichen

Tünchen bezeichnet traditionell den Auftrag mit der breiten Tünscherbürste in kreuzweisen Bahnen und ist eng mit Kalkanstrichen verknüpft. Streichen ist der allgemeinere Begriff für das Auftragen beliebiger Farben mit Pinsel oder Rolle und schließt moderne Dispersionsfarben ein.

Kalkschlämme auf Klinker vs. auf Putz

Auf Klinker wird die Schlämme oft bewusst lasierend, also durchscheinend, aufgebracht, damit die Ziegelstruktur sichtbar bleibt. Auf Putz wird meist eine deckendere, gleichmäßigere Fläche angestrebt, die dem Charakter eines klassischen Kalkanstrichs näher kommt.

Sicherheit, Lagerung und Entsorgung

Arbeitsschutz

Frisch gelöschter Kalk und Kalkschlämme sind stark alkalisch und können Haut und Augen verletzen. Alkalibeständige Handschuhe, Schutzbrille und bei längeren Arbeiten geeignete Kleidung tragen, da die dünnflüssige Masse leicht spritzt. Bei Augenkontakt sofort gründlich mit klarem Wasser ausspülen und einen Arzt aufsuchen.

Lagerung

Sumpfkalk wird luftdicht unter einer Wasserschicht gelagert, damit er nicht vorzeitig mit der Luft karbonatisiert und aushärtet. Fertig angesetzte Kalkschlämme sollte innerhalb weniger Tage verarbeitet werden, da sie sonst an der Oberfläche eine Haut bildet und ihre Streichfähigkeit verliert.

Entsorgung

Ausgehärtete Kalkreste sind unbedenklicher Bauschutt. Flüssige, noch alkalische Reste nicht unverdünnt in die Kanalisation geben, sondern aushärten lassen und als Feststoff entsorgen, um Gewässer und Kläranlagenbiologie nicht zu belasten.

Auftrag von Kalkschlämme auf eine Sichtmauerwerk-Fassade

Häufig gestellte Fragen

Deutlich kürzer als eine moderne Fassadenfarbe – je nach Wetterbelastung oft nur wenige Jahre, bevor eine Auffrischung nötig wird. Das gehört zum traditionellen Erhaltungszyklus vieler Kalkfassaden dazu.

Mit fertigem Sumpfkalk aus dem Fachhandel ja, das Anrühren mit Wasser ist unkompliziert. Wichtig ist die richtige Konsistenz und ausreichend lange Karbonatisierungszeit zwischen den Anstrichen.

In den ersten Wochen nach dem Auftrag etwas, bis die Karbonatisierung vollständig abgeschlossen ist. Danach ist die Oberfläche deutlich stabiler, bleibt aber grundsätzlich empfindlicher als eine moderne Kunstharzfarbe.

Ja, besonders in Schlaf- und Wohnräumen, wo ihre diffusionsoffene, allergikerfreundliche Eigenschaft geschätzt wird. In stark beanspruchten Fluren oder Küchen ist eine abriebfestere Kalkfarbe praktischer.

Ein gewisses Kreiden ist materialtypisch und normal. Sehr starkes Abfärben deutet auf zu wenig Karbonatisierungszeit, zu dünne Konsistenz oder einen ungeeigneten, nicht saugfähigen Untergrund hin.

Nicht direkt – Gipskarton ist zu wenig alkalibeständig und saugt zu ungleichmäßig. Mit einem passenden mineralischen Voranstrich oder dünnen Kalkputz als Zwischenschicht ist es möglich.

Im Produktdatenblatt auf den Bindemittelanteil achten: reine Tünchen weisen kaum oder keinen Kasein- oder Dispersionszusatz aus, während Kalkfarben diesen Zusatz explizit als abriebfestigkeitssteigerndes Merkmal bewerben.

Bei sehr saugfähigem, trockenem Mauerwerk wird die Fläche oft vorgenässt, damit die dünnflüssige Schlämme nicht zu schnell antrocknet und gleichmäßiger einzieht.

Weil die dünne, wenig abriebfeste Schicht durch Witterung und Bewuchs schneller verschleißt als eine moderne Fassadenfarbe. In der traditionellen Landwirtschaft und Denkmalpflege ist die jährliche Erneuerung fester Bestandteil der Bauwerkspflege, nicht ein Zeichen mangelhafter Ausführung.

Ähnliche Beiträge