Kratzputz: Struktur, Ausführung und Abgrenzung

Kratzputz ist ein mineralischer Oberputz, dessen Struktur durch Abkratzen der angesteiften Putzschicht mit einem Nagelbrett oder einer Zahnkelle entsteht. Die Oberfläche wird gleichmäßig körnig und leicht rau, die Körner des Putzes bleiben sichtbar. Der Putz wird innen wie außen eingesetzt und gehört zu den klassischen Edelputzen. Dieser Beitrag erklärt, wie Kratzputz aufgebaut ist, wie er ausgeführt wird und wie er sich von Reibeputz, Rillenputz und Spritzputz unterscheidet.

Was ist Kratzputz?

Kratzputz ist ein Oberputz aus mineralischem Bindemittel wie Kalk, Kalkzement oder Zement mit Zuschlägen von etwa 2 bis 5 mm Körnung. Nach dem Auftragen und Abziehen bleibt die Schicht einige Stunden stehen, bis sie angesteift ist. Dann wird die obere Lage mit einem Nagelbrett oder Kratzbrett abgekratzt. Dabei werden Bindemittelschlämme und Feinanteile abgetragen und die Körner freigelegt.

Struktur und Optik

Die Oberfläche ist gleichmäßig gekörnt und wirkt gröber und unregelmäßiger als ein Reibeputz. Je nach Werkzeugführung ergibt sich ein kreisendes oder geradliniges Kratzbild. Weil die Oberfläche offenporig ist, wirkt Kratzputz matt und nimmt Schmutz weniger sichtbar auf als glatte Putze.

Material und Dicke

Als Oberputz hat Kratzputz in der Regel eine Dicke von etwa 8 bis 15 mm, die sich nach dem Größtkorn richtet. Er wird auf einen tragfähigen Unterputz aufgebracht und in der Regel durchgefärbt oder nachträglich gestrichen. Neben mineralischen Putzen gibt es kratzputzähnliche Strukturen auch als Kunstharz- oder Silikonharzputz, die allerdings ohne Abkratzen mit der Glättkelle aufgerieben werden und meist als Scheiben- oder Rillenputz bezeichnet werden.

Korngröße und Wirkung

Feinere Körnungen um 2 mm ergeben eine ruhige, feine Struktur, gröbere um 4 bis 5 mm eine deutlich plästische Oberfläche mit starkem Schattenwurf. Die Körnung beeinflusst auch den Putzverbrauch und die Standzeit.

Putzaufbau

Kratzputz sitzt als Oberputz auf einem mehrlagigen Aufbau. Zuerst wird ein Spritzbewurf oder eine Haftbrücke aufgebracht, dann folgt der Unterputz, der Unebenheiten ausgleicht, und zum Schluss der Kratzputz als sichtbare Schicht. Unterputz und Oberputz müssen aufeinander abgestimmt sein, damit der harte Oberputz nicht an einem weichen Untergrund abplatzt.

Anwendung und Einsatzbereiche

Fassaden

Am häufigsten wird Kratzputz als Oberputz an Fassaden verwendet. Die offene Struktur verteilt Regenwasser gleichmäßig, und kleine Unebenheiten im Unterputz fallen weniger auf. Eine Übersicht der Putzarten findet sich unter Mineralischer Fassadenputz und Organisch gebundener Fassadenputz.

Innenräume

Im Innenraum kommt Kratzputz in Treppenhäusern, Fluren, Kellern und Garagen vor, wo robuste Oberflächen gefragt sind. Wohnräume werden seltener so gestaltet, weil die raue Struktur Staub bindet und schwerer zu reinigen ist.

Altbau und Denkmal

Bei der Instandsetzung von Altbauten wird Kratzputz häufig nachgebildet, weil er als historische Oberputzform viele Gebäude prägt. Hier eignen sich Kalkputze, die auf den Bestand abgestimmt sind, siehe Kalkputz.

Gestaltung

Kratzputz lässt sich mit glatten Flächen kombinieren, etwa an Fensterlaibungen, Sockeln oder Gesimsen. Die Gegenüberstellung rauer und glatter Flächen betont die Gliederung der Fassade. Sammelbegriff für solche Oberputze ist Edelputze.

Ausführung von Kratzputz

Untergrund und Unterputz

Als Unterputz eignen sich Kalkzement- und Kalkputze, die eben, fest und ausreichend ausgetrocknet sein müssen, die Standzeit beträgt als Faustregel einen Tag je Millimeter Dicke. Kunstharzhaltige Putze verlangen passende Untergründe. Starke Saugunterschiede werden mit einem Putzgrund ausgeglichen, siehe Putzgrund. Auf glatten Untergründen braucht der Putz eine Haftbrücke.

Auftragen und Abziehen

Der Oberputz wird in gleichmäßiger Dicke aufgetragen und mit einer Aluminiumlatte abgezogen. Anschließend bleibt er stehen, bis er angesteift ist. Der richtige Zeitpunkt ist erreicht, wenn ein Fingerdruck nur noch einen leichten Abdruck hinterlässt und die Oberfläche nicht mehr schmiert.

Kratzen

Das Nagelbrett wird gleichmäßig und mit konstantem Druck über die Fläche geführt, kreisend oder in geraden Zügen. Die Bahnen überlappen sich, damit keine Ansatzstellen entstehen. Alle Flächen eines Bauteils sollten in einem Arbeitsgang und vom selben Handwerker bearbeitet werden, damit die Struktur einheitlich bleibt. Ein kleines Probefeld an unauffälliger Stelle zeigt vorab Korn, Druck und Zeitpunkt.

Nachbehandlung und Anstrich

Lose Körner und Staub werden nach dem Kratzen abgekehrt. Bei Hitze und Wind wird der Putz feucht gehalten, damit er nicht zu schnell trocknet. Ein Anstrich mit mineralischer oder silikonharzbasierter Fassadenfarbe folgt nach ausreichender Standzeit.

Typische Fehler

Wird zu früh gekratzt, reißt der Putz auf und die Körner brechen aus. Wird zu spät gekratzt, lässt sich der erhärtete Putz nur noch mühsam bearbeiten und es entstehen Wolken. Unterschiedliche Werkzeugführung und Ansatzstellen sieht man im Streiflicht deutlich.

Witterung bei der Verarbeitung

Kratzputz wird bei Temperaturen von etwa 5 bis 30 °C verarbeitet. Direkte Sonne und Wind lassen die Oberfläche zu schnell ansteifen und führen zu unterschiedlichen Kratzzeitpunkten, Frost und Regen schädigen den frischen Putz. Bei durchgefärbten Putzen verursachen unterschiedliche Trocknungsbedingungen sichtbare Farbunterschiede, deshalb wird eine ganze Fassadenseite möglichst in einem Zug und unter gleichen Bedingungen verputzt.

Abgrenzung zu ähnlichen Putzstrukturen

Kratzputz vs. Reibeputz

Reibeputz wird nach dem Anziehen mit dem Reibebrett kreisend verrieben und erhält eine gleichmäßig feine Struktur, bei Kratzputz wird Material abgetragen und die Oberfläche wirkt gröber. Der Beitrag Reibeputz beschreibt die Technik.

Kratzputz vs. Rillenputz

Rillenputz erhält seine gerichtete Struktur durch das Reiben mit großem Korn, bei dem die Körner Rillen ziehen. Kratzputz entsteht durch Abtragen der angesteiften Oberfläche. Der Beitrag Rillenputz erklärt die Unterschiede im Detail.

Kratzputz vs. Spritzputz

Spritzputz wird gespritzt oder geworfen und bleibt in dieser Struktur stehen, ohne dass Material abgekratzt wird. Das Ergebnis ist eine unregelmäßige, wulstige Oberfläche, siehe Spritzputz.

Kratzputz vs. Kellenwurf

Beim Kellenwurf wird der Mörtel mit der Kelle angeworfen und nur leicht angedrückt, es entsteht eine wulstige, lebendige Struktur. Beim Kratzputz entsteht das Bild nicht durch den Wurf, sondern durch das gleichmäßige Abtragen der angesteiften Schicht.

Sicherheit, Lagerung und Entsorgung

Arbeitsschutz

Mineralische Putze sind alkalisch und reizen Haut und Augen, Handschuhe und Schutzbrille sind Pflicht. Beim Kratzen entsteht Staub, bei dem Atemschutz sinnvoll ist, und Splitter können in die Augen gelangen. Bei Arbeiten über Kopf helfen standsichere Gerüste, siehe Arbeitsgerüst.

Lagerung

Säcke werden trocken und frei von Feuchtigkeit gelagert. Die Haltbarkeit beträgt je nach Produkt etwa 6 bis 12 Monate. Angebrochene Säcke werden fest verschlossen und zuerst verbraucht.

Entsorgung

Abgekratzte Putzreste und Bauschutt werden getrennt gesammelt und entsorgt. Waschwasser darf wegen des hohen pH-Werts nicht in Gewässer oder Kanalisation. Das gilt auch für abgekratzten Putz, der aufgefangen und als Bauschutt entsorgt wird.

Verputzer kratzt eine angesteifte Putzschicht mit dem Nagelbrett ab

Häufig gestellte Fragen

Beim Reibeputz wird die Oberfläche verrieben, beim Kratzputz abgekratzt. Kratzputz wirkt dadurch gröber und unregelmäßiger.

Wenn er angesteift ist: Der Fingerdruck hinterlässt nur noch einen leichten Abdruck, die Oberfläche schmiert nicht mehr. Der Zeitpunkt hängt von Temperatur, Luftfeuchte und Untergrund ab.

Als Oberputz meist 8 bis 15 mm, abhängig vom Größtkorn. Die Angabe des Herstellers gilt.

Üblich sind Körnungen von etwa 2 bis 5 mm. Feinere Körnungen wirken ruhiger, gröbere ergeben eine plastische Oberfläche.

Ja, mit mineralischen oder silikonharzbasierten Fassadenfarben. Durchgefärbte Putze bleiben unbehandelt.

In Treppenhäusern, Kellern und Garagen ja. In Wohnräumen ist er eher ungewöhnlich, weil die raue Fläche Staub bindet.

Das ist möglich, verlangt aber Erfahrung, weil der Zeitpunkt des Kratzens und die gleichmäßige Werkzeugführung das Ergebnis bestimmen. Eine Übungsfläche hilft.

Trocken abbürsten, bei hartnäckiger Verschmutzung mit Wasser und weicher Bürste. Hochdruck wird nur vorsichtig eingesetzt, da er die Körner lösen kann.

Bei fachgerechter Ausführung mehrere Jahrzehnte. Die offene Struktur ist robust, ältere Fassaden werden meist nur gereinigt und neu gestrichen.

Die Schadstelle wird abgestemmt, mit passendem Unterputz aufgefüllt und mit gleichem Putz und gleicher Körnung neu aufgebaut. Das Kratzen muss zum Bestand passen, sonst bleibt die Ausbesserung sichtbar.

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